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Ein Fanatiker ist ein Mensch, der so handelt, wie er glaubt, dass Gott handeln würde, wenn Er ausreichend informiert wäre.

Finley Peter Dunne
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Fanatiker aller Couleur kennen keine Ambivalenzen, keinen Kompromiss und keinen Dialog. Sie würden dies als Verrat an ihrer heiligen Sache verurteilen. Ihr ganzer Lebensalltag wird von einer fixen, «überwertigen» Idee bestimmt, von deren unumstößlicher Wahrheit sie durchdrungen sind und die ihren Gedanken, Gefühlen und Handlungen eine hohe moralische Bedeutung verleiht.

Ernst-Dieter Lantermann

Fanatismus

Das Stipendium ist für die Arbeit an einem Projekt bestimmt, welches dem Fanatismus als zentralem Thema untergeordnet ist.

Der Fanatismus bezeichnet dabei keine inhaltlich festgesetzte Denkrichtung, sondern thematisiert eine spezifische, den phänomenalen Zugang zur Welt bestimmende Prägung, die sich äußerlich in Form einer verhärteten und meist expressiven Besessenheit zeigt.

Der Begriff des Fanatismus leitet sich von lat. fanaticus (schwärmend, rasend) ab, was wiederum dem lat. fanum (Heiligtum, geweihter Ort) entlehnt ist. Daher war der Begriff ursprünglich religiös kon­notiert und und ließ sich als Abstraktion eines religiösen Eifers verstehen, der sich insbesondere durch seinen missionarischen Anspruch kennzeichnen ließ. Diese Verwendung kam im Zuge der Reforma­tion im 17. Jh. auf. Protestanten wurden von Teilen der katholischen Glaubensgemeinschaft aufgrund ihres Werbens für eine Neudeutung des christlichen Glaubens als Fanatiker bezeichnet, wobei auch der Vorwurf von Ketzerei im Subton mitschwang. In den folgenden Jahrhunderten löste sich die reli­giöse Konnotation durch den erweiterten Anwendungsbereich weitestgehend auf, weshalb religiöser Fanatismus in heutiger Verwendung dezidiert als solcher gekennzeichnet wird.


Neben der religiösen Einstellung werden oftmals auch weitere Identitätsmerkmale betreffende Vor­stellungen zu Grundbausteinen fanatisch vertretener Überzeugungen – also z. B. Geschlecht, Haut­farbe, Behinderung, sexuelle Orientierung, nationale Herkunft oder sozialer Status. In Form komple­xerer Ideologien können mehrere dieser Merkmale miteinander verschränkt und durch Vorstellungen bezüglich der gesellschaftlichen Organisation ergänzt werden. Dabei sind die Überzeugungen nor­mativ aufgeladen, unveränderlich und geraten mit der wahrgenommenen Wirklichkeit tendenziell in Konflikt. Für eine fanatische Einstellung ist es charakteristisch diese prinzipiell konflikthafte Gegen­überstellung weder aushalten noch in die eigenen Überzeugungen einbeziehen zu können und somit auch für den rationalen Diskurs unzugänglich zu sein.

Aus dem Bedürfnis die normative Vorstellung mit der Realität in Einklang zu bringen und den Kon­flikt aufzulösen, ergibt sich eine für Außenstehende als irrational stark wahrgenommene Handlungs­motivation. Die Tragweite der Handlungsmotivation stellt für die Einordnung des Fanatismus einen entscheidenden Faktor dar:

Die Besessenheit von einer Überzeugung zeigt sich gerade darin, dass deren Relevanz überschätzt und davon geprägten Handlungen ein hoher moralischen Wert zugespro­chen wird. Dies führt dazu, dass einerseits mehr mit der Überzeugung in Verbindung gebracht und der Lebensalltag davon durchdrungen wird und dass andererseits die Bereitschaft zu radikalen Hand­lungen zunehmen kann, weil der moralische Wert in die zweckrationale Handlungsabwägung mitein­bezogen wird. Fanatische Handlungen können entsprechend nicht pauschal von idealistischen oder aktivistischen Handlungen abgegrenzt werden, da es der individuellen und psychologischen Beurtei­lung obliegt, eine Handlungsintention als angemessen zu beurteilen. Fanatismus kann dabei möglich­erweise in Zusammenhang mit psychopathologischen Symptomen gestellt werden.

Auf einen fanati­schen Ursprung können Handlungen schließen lassen, wenn sie irrational oder übertrieben erscheinen. Die Handlungen fanatischer Akteure sind aufgrund ihrer abweichenden Zweckrationalität auch schwerer vorherzusehen, da sie ihrer eigenen und oftmals unsteten Logik folgen. Weil fanatische Ak­teure ihre Handlung von vornherein hohen moralischen Wert zusprechen können, bleibt eine genauere Überlegung in vielen Fällen aus. Die Möglichkeit von radikalen, aber schwer vorauszusehenden Handlungen macht klassischerweise die materielle Gefahr fanatischer Akteure für die Gesellschaft aus.

Teilweise wird der Begriff des Fanatismus noch immer mit dem Kriterium verbunden, eine von der gemeinhin für wahr gehaltenen Meinung abweichende Überzeugung zu vertreten. Dies kann in der historischen Analyse des Begriffes und seiner Verwendung überzeugend sein, gilt aber mit aktuellem Bezug aus mehreren Gründen als umstritten. So ist fraglich, ob nicht auch allgemein anerkannte Über­zeugungen in fanatischer Weise vertreten werden können. Zudem kann die Setzung von allgemein für wahr gehaltenen Meinungen selbst kritisiert werden. Das gesellschaftliche Ringen um die Deu­tungshoheit in der Bestimmung des Normalen ist daher ebenso mit dem Fanatismus verbunden, wie die Frage nach einer gesamtgesellschaftlichen Diskursgrundlage. Um aus der Beobachterperspektive den Begriff des Fanatismus auch auf konkrete Phänomene anwenden zu können, ist es sinnvoll den­noch von einem bestimmten Vemunftbegriff auszugehen, der den Rahmen gemeinhin zu akzeptieren­der Handlungsweisen zumindest skizziert. Gerade für die Einordnung von Massenbewegungen wie bspw. des Nationalsozialismus hat sich dies in der historischen Analyse gezeigt. Für die Analyse des Fanatismus von extremistischen Bewegungen sind neben der psychologischen Perspektive insbeson­dere auch sozialpsychologische Mechanismen, sowie eine gesellschaftliche und historische Kontex­tualisierung relevant. Weil der Fanatismus immer mit einer Abweichung vom angelegten Vernunft­begriff einhergeht, ist die Auseinandersetzung mit Ausgangs- und Triggerpunkten, sowie dem mögli­chen Radikalisierungsprozess von zentraler Bedeutung.

Das Leitthema Fanatismus spannt somit ein weites interdisziplinäres, aber von Geisteswissenschaf­ten dominiertes Feld auf, innerhalb dessen bspw. den Fragen nach seiner genauen Bestimmung, seiner Rolle für konkrete Individuen oder gesellschaftliche Gruppen, seiner Entstehung und Entstehungsbedingungen, sowie seinen Auswirkungen auf gesellschaftliche Teilbereiche weiter nachgegangen wer­den kann. Gerade weil der Fanatismus mit einer verschobenen oder eingeengten Sichtweise auf die Welt einherzugehen scheint, bietet sich auch der empathische Nachvollzug oder die ästhetische Ver­arbeitung als Mittel der Auseinandersetzung an.

Das Stipendium richtet sich an Personen
mit ausgewiesener Expertise.

Gefördert werden professionell tätige Personen aus Geisteswissenschaften, Kultur und Literatur mit einem klar konzipierten Projekt zum Thema Fanatismus und dem Ziel einer publikationsreifen Ergebnisarbeit.

Klausurobjekte in

Leipzig

Ein Ort mit ausgeprägter gesellschaftlicher und kulturhistorischer Prägung, der die Bearbeitung sozialer, normativer und diskursiver Fragestellungen begünstigt.

Wien

Ein etablierter Forschungs- und Kulturraum mit starker geisteswissenschaftlicher Tradition, der theoretisch-analytische und interdisziplinäre Arbeitsansätze unterstützt.

Cernobbio

Ein ruhiger Arbeitsort mit Rückzugscharakter, der konzentrierte Projektarbeit, vertiefte Analyse und konzeptionelle Ausarbeitung ermöglicht.

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Bewerbungen mit projektbezogenem Exposé werden erbeten.